
Entgegen der landläufigen Meinung sind taube Finger beim Radfahren selten ein reines Hand- oder Griffproblem, sondern das Symptom einer biomechanischen Kausalkette, die bei einem unpassenden Sattel und einer instabilen Rumpfhaltung beginnt.
- Der Druck auf den Ulnarnerv in der Hand wird direkt von der Stützlast beeinflusst, die durch eine falsche Sattelposition und -neigung entsteht.
- Selbst die teuersten ergonomischen Griffe können eine grundlegende Fehlhaltung nicht korrigieren, sondern nur geringfügig lindern.
Empfehlung: Analysieren Sie zuerst Ihr Haltungsfundament – den Sattel und Ihre Rumpfstabilität – bevor Sie in Zubehör für die Hände investieren. Die Lösung für Ihre Hände liegt oft mehrere Gelenke entfernt.
Das Gefühl ist den meisten Langstreckenfahrern vertraut: Nach ein oder zwei Stunden im Sattel beginnt es erst leise zu kribbeln, dann breitet sich ein unangenehmes Taubheitsgefühl im kleinen Finger und im Ringfinger aus. Die instinktive Reaktion ist, die Hände auszuschütteln, die Griffposition zu ändern oder die Schuld bei den Handschuhen oder Lenkergriffen zu suchen. Viele investieren in dicker gepolsterte Handschuhe oder aufwendig geformte ergonomische Griffe in der Hoffnung, das Problem zu lösen. Doch oft kehrt die Taubheit hartnäckig zurück.
Diese gängigen Lösungsansätze behandeln jedoch nur das Symptom, nicht die eigentliche Ursache. Aus medizinischer und physiotherapeutischer Sicht ist das Kribbeln ein ernstzunehmendes Warnsignal Ihres Körpers. Es deutet auf eine Kompression eines wichtigen Nervs hin, die bei fortgesetzter Ignoranz zu dauerhaften Schäden führen kann. Doch was, wenn die wahre Wurzel des Problems gar nicht primär in den Händen liegt? Was, wenn die teuren Griffe nur ein Pflaster auf einer Wunde sind, deren Ursache viel tiefer im System Ihrer Sitzposition verankert ist?
Dieser Artikel durchbricht den Kreislauf der oberflächlichen Korrekturen. Wir werden die biomechanische Kausalkette von der Hand bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Sie werden verstehen, warum Ihr Sattel oft der Hauptverantwortliche für den Druck auf Ihre Hände ist und wie Sie durch ein systemisches Verständnis Ihrer Haltung nicht nur die Taubheit beseitigen, sondern Ihre gesamte Fahreffizienz und -gesundheit nachhaltig verbessern können.
Um dieses komplexe Zusammenspiel zu verstehen, werden wir die einzelnen Stationen der Problematik beleuchten. Der folgende Überblick führt Sie schrittweise von der anatomischen Ursache in der Hand bis zur fundamentalen Korrektur Ihrer Sitzposition.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zur schmerzfreien Fahrt
- Wo genau wird der Nerv am Lenker abgeklemmt (Loge-de-Guyon)?
- Wie oft müssen Sie umgreifen, um den Druck auf den Handballen effektiv zu verteilen?
- Warum ist ein zu stark abgenicktes Handgelenk die Hauptursache für Nervenreizungen?
- Welche 3 Dehnübungen helfen sofort, wenn die Hand während der Fahrt kribbelt?
- Warum sind Daumen und Zeigefinger betroffen, wenn es NICHT der Ulnar-Nerv ist?
- Warum schlafen Ihre Hände ein, obwohl Sie teure Griffe montiert haben?
- Die falsche Neigung, die Taubheit und Handgelenksschmerzen provoziert
- Warum verursachen Standard-Sättel bei 60% der Fahrer Taubheitsgefühle?
Wo genau wird der Nerv am Lenker abgeklemmt (Loge-de-Guyon)?
Das typische Taubheitsgefühl im kleinen Finger und der äusseren Hälfte des Ringfingers hat eine präzise anatomische Ursache: die Kompression des Nervus ulnaris. Dieser Nerv verläuft an der Kleinfingerseite des Handgelenks durch einen schmalen Kanal, der als Loge de Guyon bekannt ist. Stellen Sie sich diesen Kanal als einen Engpass vor, durch den der Nerv zusammen mit einer Arterie verläuft. Er wird von Handwurzelknochen und Bändern gebildet und ist nur minimal gepolstert.
Beim Radfahren lastet ein erheblicher Teil Ihres Oberkörpergewichts auf den Handballen, genau über diesem sensiblen Bereich. Der konstante Druck des Lenkers auf die Loge de Guyon quetscht den Ulnarnerv. Die Folge ist eine verminderte Durchblutung und eine gestörte Signalübertragung, die wir als Kribbeln oder Taubheit wahrnehmen. Diese Problematik ist in der Sportmedizin so verbreitet, dass sie oft als „Radfahrerlähmung“ bezeichnet wird. Medizinische Quellen bestätigen, dass die sportbedingte Kompression durch Radfahren die zweithäufigste Ursache für das Loge-de-Guyon-Syndrom nach gutartigen Tumoren (Ganglien) ist.
Die untenstehende Abbildung veranschaulicht diesen kritischen Druckpunkt. Der Nerv ist hier besonders exponiert und anfällig für die Art von Dauerbelastung, die bei langen Radtouren entsteht.
Das Verständnis dieser anatomischen Schwachstelle ist der erste Schritt. Es erklärt, warum gerade dieser Bereich der Hand betroffen ist. Doch der Druck selbst ist nur das unmittelbare Problem. Die eigentliche Frage ist, warum überhaupt so viel Last auf diesem kleinen Bereich landet.
Wie oft müssen Sie umgreifen, um den Druck auf den Handballen effektiv zu verteilen?
Eine der wirksamsten Sofortmassnahmen gegen die Nervenkompression ist die regelmässige Druckverteilung. In einer statischen Handposition konzentriert sich die gesamte Stützlast Ihres Oberkörpers über Stunden auf dieselben kleinen Bereiche des Handballens. Dies führt unweigerlich zur Reizung der Loge de Guyon. Aktives und bewusstes Umgreifen ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Die entscheidende Frage ist die Frequenz. Sporadisches Wechseln der Handposition alle 30 oder 60 Minuten reicht oft nicht aus, um die Durchblutung nachhaltig wiederherzustellen. Als klinische Faustregel gilt: Sie sollten Ihre Griffposition aktiv alle 10 bis 15 Minuten wechseln. Dieser regelmässige Wechsel verhindert, dass sich der Druck so lange aufbaut, bis die ersten Kribbelsymptome auftreten. Wenn Sie erst bei einsetzender Taubheit reagieren, ist die Nervenreizung bereits im Gange.
Um dies effektiv umzusetzen, sollten Sie alle verfügbaren Griffoptionen Ihres Lenkers systematisch nutzen. Die folgende Liste bietet eine praktische Anleitung zur dynamischen Druckentlastung:
- Alle 10-15 Minuten die Griffposition wechseln: Stellen Sie sich einen Timer oder nutzen Sie markante Punkte auf Ihrer Strecke als Erinnerung.
- Am Rennradlenker rotieren: Wechseln Sie bewusst zwischen der Haltung am Oberlenker (entspannt), an den Bremsgriffen (Standard) und im Unterlenker (aerodynamisch).
- Zusätzliche Griffvarianten nutzen: Barends (Lenkerhörnchen) an einem geraden Lenker oder spezielle Lenkerverlängerungen bieten wertvolle alternative Positionen.
- Hände kurz ausschütteln: Lassen Sie regelmässig für etwa 15 Sekunden eine Hand vom Lenker hängen und schütteln Sie sie locker aus, um die Durchblutung anzuregen.
- Rumpfmuskulatur aktivieren: Spannen Sie bewusst Ihre Bauch- und Rückenmuskulatur an. Ein starker Rumpf trägt mehr vom Oberkörpergewicht und entlastet die Hände.
Regelmässiges Umgreifen ist eine exzellente und unverzichtbare Gewohnheit, um akute Symptome zu lindern. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass dies eine Management-Strategie ist. Sie bekämpft die Folgen, aber nicht die Ursache der übermässigen Stützlast auf den Händen.
Warum ist ein zu stark abgenicktes Handgelenk die Hauptursache für Nervenreizungen?
Neben dem direkten Druck auf den Handballen ist die Position Ihres Handgelenks ein entscheidender Faktor. Ein gerades Handgelenk, das eine Linie mit dem Unterarm bildet, ermöglicht eine optimale Kraftübertragung und minimiert die Belastung der internen Strukturen. Viele Radfahrer neigen jedoch dazu, ihre Handgelenke entweder nach oben zu überstrecken oder nach unten abzuknicken. Beide Fehlhaltungen sind problematisch, doch das starke Abknicken des Handgelenks ist besonders gefährlich für den Ulnarnerv.
Wenn das Handgelenk stark abgeknickt ist, wird der Nervenkanal der Loge de Guyon zusätzlich verengt und der Nerv regelrecht „geknickt“ und gedehnt. Dies erhöht den Innendruck im Kanal und potenziert die schädliche Wirkung der Stützlast vom Lenker. Es ist wie ein Gartenschlauch, der geknickt wird – der Durchfluss wird blockiert. Diese ungünstige Position ist eine der Hauptursachen für akute und chronische Nervenreizungen beim Radfahren.
Dr. Achim Schmidt von der Deutschen Sporthochschule Köln warnt eindringlich vor den Folgen. In einem Interview zur Fahrradergonomie betont er:
Wird das Handgelenk am Griff abgeknickt, verursacht das einen hohen Druck auf diese Nerven, was nach kurzer Zeit zu Taubheitsgefühlen führt. Im Extremfall kann es dadurch auch zu irreversiblen Nervenschädigungen kommen.
– Dr. Achim Schmidt, Deutsche Sporthochschule Köln
Die Korrektur dieser Fehlstellung geht über die reine Handhaltung hinaus. Sie ist oft ein Indikator für eine fehlerhafte Cockpit-Einstellung. Ein zu tiefer oder zu weit entfernter Lenker zwingt den Fahrer geradezu in eine Position, in der das Handgelenk abknicken muss, um die Bremshebel zu erreichen. Eine ganzheitliche Anpassung des Fahrrads ist hier der Schlüssel, wie das folgende Beispiel zeigt.
Fallbeispiel: Entlastung durch systemische Bike-Anpassung
Eine Radfahrerin klagte über chronische Handgelenkschmerzen und Symptome einer Ulnarnerv-Kompression. Anstatt nur die Handposition zu ändern, analysierte ihre Physiotherapeutin die gesamte Sitzposition. Die Lösung lag nicht in Übungen, sondern in einer Kette von Anpassungen am Rad: Der Sattel wurde leicht nach hinten verschoben und die Sattelneigung minimal korrigiert. Der Lenker wurde leicht nach unten rotiert, um eine geradere Handgelenksposition zu ermöglichen. Diese Änderungen verlagerten den Körperschwerpunkt, reduzierten die Stützlast auf den Händen und eliminierten die Schmerzen – allein durch eine korrekte Einstellung der Komponenten.
Welche 3 Dehnübungen helfen sofort, wenn die Hand während der Fahrt kribbelt?
Wenn trotz Positionswechsel und korrekter Handgelenkshaltung während der Fahrt ein Kribbeln auftritt, können spezifische Übungen sofortige Linderung verschaffen. Es geht dabei nicht um allgemeines Dehnen, sondern um gezielte „Nerve Gliding“ (Nervenmobilisation) Übungen. Das Ziel ist es, den komprimierten Nerv sanft durch sein umliegendes Gewebe zu bewegen, um die Durchblutung zu fördern und „Verklebungen“ zu lösen. Diese Übungen sollten immer langsam, kontrolliert und absolut schmerzfrei ausgeführt werden.
Stellen Sie sich den Nerv wie einen Seilzug in seiner Hülle vor. Durch die Mobilisation wird dieser Seilzug wieder leichtgängig gemacht. Bei scharfen Schmerzen oder einer Verstärkung der Taubheit müssen Sie die Übung sofort abbrechen, da dies auf eine zu starke Reizung hindeutet. Die folgenden drei Übungen sind speziell auf den Ulnarnerv ausgerichtet und können teilweise sogar während der Fahrt sicher durchgeführt werden.
Hier sind drei effektive Übungen zur sofortigen Linderung:
- Fingerpumpe (während der Fahrt): Nehmen Sie eine Hand sicher vom Lenker, während Sie auf einer geraden, übersichtlichen Strecke rollen. Strecken Sie den Arm locker nach unten und spreizen Sie die Finger weit auseinander. Ballen Sie anschliessend die Hand langsam zu einer Faust. Wiederholen Sie diese Pumpbewegung 5-10 Mal. Dies aktiviert die Muskelpumpe im Unterarm und fördert die Durchblutung.
- Ulnarnerv-Gleiter (bei kurzem Stopp): Halten Sie an. Strecken Sie den betroffenen Arm seitlich auf Schulterhöhe aus, die Handfläche zeigt zur Decke. Beugen Sie nun das Handgelenk, sodass die Finger in Richtung Boden zeigen. Beugen Sie anschliessend langsam den Ellbogen und führen Sie die Hand in Richtung Ihrer Schulter, während das Handgelenk gebeugt bleibt. Sie sollten eine sanfte Dehnung an der Innenseite des Unterarms spüren. Führen Sie die Bewegung 5-10 Mal langsam aus.
- Kopfneigung zur Nervenaktivierung (vor der Fahrt): Strecken Sie den Arm wie bei der vorherigen Übung seitlich aus, die Handfläche zeigt nach oben. Neigen Sie nun den Kopf sanft zur Gegenseite, bis Sie eine milde Spannung spüren. Halten Sie diese Position für 3-5 Sekunden und wiederholen Sie dies 5 Mal. Diese Übung mobilisiert den Nerv über seine gesamte Länge bis zur Halswirbelsäule.
Diese Übungen sind ein hervorragendes Werkzeug für das akute Management von Symptomen. Sie helfen, die Funktionsfähigkeit des Nervs zu erhalten, können aber eine zugrundeliegende biomechanische Ursache durch übermässigen Druck nicht beheben.
Warum sind Daumen und Zeigefinger betroffen, wenn es NICHT der Ulnar-Nerv ist?
Bisher haben wir uns auf das klassische Bild der „Radfahrerlähmung“ konzentriert, das den kleinen Finger und den Ringfinger betrifft. Was aber, wenn die Taubheit stattdessen im Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger auftritt? In diesem Fall ist die Ursache eine andere: Hier ist nicht der Ulnarnerv, sondern der Mediannerv komprimiert. Dieses Krankheitsbild ist weithin als Karpaltunnelsyndrom bekannt.
Die Hand wird von drei Hauptnerven versorgt, die unterschiedliche Bereiche steuern. Während der Ulnarnerv die Aussenseite versorgt, ist der Mediannerv für die Daumenseite und die Kraft des Pinzettengriffs zuständig. Eine Kompression dieses Nervs tritt typischerweise auf, wenn das Handgelenk stark überstreckt wird – eine Haltung, die beim Abstützen am Oberlenker entstehen kann. Der Druckpunkt liegt dann eher mittig am Handgelenk. Es ist entscheidend, die Symptome richtig zuzuordnen, um die korrekten Gegenmassnahmen zu ergreifen.
Die Unterscheidung ist für die Diagnose und Behandlung essenziell. In seltenen Fällen können die Symptome auch von der Halswirbelsäule ausstrahlen (zervikale Radikulopathie), was oft mit Nackenschmerzen einhergeht und durch eine überstreckte Kopfhaltung beim Fahren begünstigt wird. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick zur Differenzialdiagnose.
| Nerv | Betroffene Finger | Häufigste Ursache beim Radfahren | Typisches Symptom |
|---|---|---|---|
| Ulnarnerv | Kleiner Finger + Ringfinger | Druck auf äusseren Handballen (Loge de Guyon) | Taubheit an der Handaussenseite |
| Mediannerv (Karpaltunnel) | Daumen + Zeigefinger + Mittelfinger | Zu stark überstrecktes Handgelenk | Kribbeln in Daumen, Zeige- & Mittelfinger |
| Zervikale Radikulopathie | Variabel, oft mit Nackenschmerzen | Überstreckte Kopfhaltung, HWS-Kompression | Ausstrahlende Symptome vom Nacken bis in die Hand |
Die korrekte Identifizierung der betroffenen Finger ist also der Schlüssel. Sie gibt den entscheidenden Hinweis darauf, welcher Nerv unter Druck steht und welche spezifische Fehlhaltung am wahrscheinlichsten dafür verantwortlich ist. Eine genaue Analyse der Symptome ist der erste Schritt zu einer gezielten Lösung.
Warum schlafen Ihre Hände ein, obwohl Sie teure Griffe montiert haben?
Dies ist eine der frustrierendsten Erfahrungen für viele Radfahrer: Man investiert in hochwertige, ergonomisch geformte Griffe, doch die Taubheit bleibt. Der Grund ist, dass selbst der beste Griff ein grundlegendes biomechanisches Problem nicht lösen kann: eine zu hohe Stützlast auf den Händen. Ergonomische Griffe vergrössern die Auflagefläche und können den Druck besser verteilen, aber sie können das Gewicht, das auf ihnen lastet, nicht reduzieren.
Die wahre Ursache für die übermässige Stützlast liegt fast immer in einer instabilen oder kollabierten Rumpfhaltung. Wenn die Rumpfmuskulatur (Bauch, unterer Rücken) ermüdet oder zu schwach ist, um den Oberkörper zu stabilisieren, „hängt“ sich der Fahrer in die Arme und stützt sein Gewicht passiv auf dem Lenker ab. In diesem Moment werden die Hände von einer Steuer- zu einer Stützfunktion degradiert.
Stefan Stiener, ein anerkannter Ergonomie-Experte, bringt es auf den Punkt. Er erklärt, dass die Lösung tiefer liegt als am Lenker:
Ein schwacher Rumpf führt zum Kollabieren der Haltung, was das Körpergewicht auf die Arme und Hände verlagert. Die besten Griffe der Welt können dieses fundamentale Problem nicht lösen, nur lindern.
– Stefan Stiener, Ergonomie-Experte Velotraum
Schlimmer noch: Ein falsch montierter ergonomischer Griff kann das Problem sogar verschärfen. Während ein runder Griff dem Handgelenk noch eine gewisse Bewegungsfreiheit lässt, kann ein ergonomischer Flügelgriff das Gelenk in einer fixierten Fehlstellung „einsperren“, wenn er im falschen Winkel montiert ist.
Fallbeispiel: Wenn der Ergo-Griff zur Falle wird
Ein ergonomischer Griff muss so eingestellt werden, dass das Handgelenk eine exakt gerade Linie mit dem Unterarm bildet. Ist der „Flügel“ des Griffs zu hoch oder zu tief eingestellt, zwingt er das Handgelenk in eine permanente Knick- oder Überstreckungsposition. Dieser fixierte Stress kann schädlicher sein als der variable Druck eines einfachen runden Griffs, da der Nerv konstant in einer ungünstigen Position gehalten wird. Die korrekte Montage, bei der auch die Bremshebel mühelos erreichbar bleiben, ist daher entscheidender als der Preis des Griffs selbst.
Die falsche Neigung, die Taubheit und Handgelenksschmerzen provoziert
Wir haben festgestellt, dass eine übermässige Stützlast auf den Händen das Kernproblem ist. Ein entscheidender Faktor, der diese Last direkt beeinflusst, ist die Neigung Ihres Sattels. Selbst eine minimale Veränderung der Sattelneigung um wenige Grad kann die Gewichtsverteilung zwischen Sattel und Lenker dramatisch verändern. Eine falsche Neigung ist oft der stille Verursacher von Hand- und Handgelenksschmerzen.
Die häufigste Fehlstellung ist eine nach vorne geneigte Sattelspitze. Intuitiv mag dies bequem erscheinen, da es den Druck im Dammbereich reduziert. Biomechanisch ist es jedoch eine Katastrophe: Durch die Neigung rutscht Ihr Becken auf dem Sattel konstant nach vorne. Um diesem Abrutschen entgegenzuwirken, müssen Sie sich unbewusst mit den Armen und Händen am Lenker abstützen. Diese permanente Schubkraft nach hinten erzeugt eine enorme, unnötige Stützlast auf den Handgelenken und führt direkt zur Kompression der Nerven.
Umgekehrt ist eine zu stark nach oben geneigte Sattelspitze ebenfalls problematisch. Sie erhöht den Druck auf das empfindliche Weichgewebe im Dammbereich und kann zu Taubheitsgefühlen im Genitalbereich führen. Die ideale Position ist daher eine exakt horizontale Ausrichtung, die als neutraler Ausgangspunkt dient. Von dort aus können minimale Anpassungen vorgenommen werden, um die perfekte Balance für Ihre individuelle Anatomie zu finden.
Ihre Checkliste zur korrekten Sattelneigung
- Referenzpunkt schaffen: Legen Sie eine Wasserwaage längs auf die Hauptsitzfläche des Sattels. Dies ist Ihr exakter horizontaler Nullpunkt.
- In Mikroschritten anpassen: Lösen Sie die Sattelklemmung und nehmen Sie nur minimale Anpassungen im Millimeter- oder halben Grad-Bereich vor. Oft entscheiden Nuancen.
- Vorwärtsrutschen vermeiden: Testen Sie die Einstellung auf einer kurzen Fahrt. Wenn Sie das Gefühl haben, ständig nach vorne zu rutschen und sich am Lenker zurückzudrücken, ist die Sattelspitze zu weit nach unten geneigt.
- Dammdruck kontrollieren: Wenn Sie einen unangenehmen Druck im Dammbereich spüren, ist die Sattelspitze möglicherweise zu weit nach oben geneigt. Das Ziel ist, dass Ihr Gewicht primär auf den Sitzknochen lastet.
- Position fixieren und testen: Ziehen Sie die Sattelklemmung fest, sobald Sie eine neutrale, stabile Position gefunden haben. Testen Sie diese Einstellung auf einer längeren Fahrt.
Das Wichtigste in Kürze
- Taube Hände sind das Endglied einer biomechanischen Kausalkette, die oft am Sattel beginnt.
- Die Stützlast auf den Händen wird massgeblich durch die Sattelposition, -breite und -neigung bestimmt. Ein instabiles Becken führt zu einer Überlastung der Arme.
- Eine korrekte, ganzheitliche Fahrradeinstellung ist wirksamer als teures Zubehör wie Griffe oder Handschuhe, da sie die Ursache und nicht nur das Symptom bekämpft.
Warum verursachen Standard-Sättel bei 60% der Fahrer Taubheitsgefühle?
Wir sind am Fundament des Problems angekommen: dem Sattel. Ein unpassender Sattel ist die Hauptursache für ein instabiles Becken, was wiederum die fatale Kausalkette in Gang setzt, die in tauben Händen endet. Die Aussage, dass Standard-Sättel bei einem Grossteil der Fahrer Probleme verursachen, basiert auf einem einfachen Fakt: Die meisten Fahrräder werden mit einer „Einheitsgrösse“ beim Sattel verkauft, obwohl die menschliche Anatomie höchst individuell ist. Der kritischste Parameter ist hier die Sattelbreite in Relation zum Abstand Ihrer Sitzknochen.
Ihre Sitzknochen (Sitzbeinhöcker) sind dafür vorgesehen, den Grossteil Ihres Körpergewichts zu tragen. Ist ein Sattel zu schmal, ruhen die Sitzknochen nicht auf der dafür vorgesehenen Fläche, sondern schweben an den Seiten vorbei. Das Gewicht wird stattdessen auf das dazwischenliegende, empfindliche Weichgewebe (Dammbereich) verlagert. Dies ist nicht nur schmerzhaft und führt zu Taubheit im Genitalbereich, sondern macht Ihre Sitzposition extrem instabil. Ihr Becken kippt und rotiert auf der Suche nach Halt. Diese Instabilität wird direkt an den Oberkörper weitergegeben und zwingt Sie, sich mit den Händen am Lenker zu stabilisieren – die Stützlast steigt dramatisch an. Die Konsequenzen unbehandelter Nervenkompressionen sind gravierend; allein in Deutschland mussten sich über 300.000 Menschen einer Operation am Karpaltunnel unterziehen, eine Problematik, die durch Radfahren stark begünstigt werden kann.
Die gute Nachricht ist, dass Sie Ihren individuellen Sitzknochenabstand leicht selbst ermitteln und so die richtige Sattelbreite bestimmen können. Ein passender Sattel ist die wichtigste Investition in eine gesunde und effiziente Sitzposition.
DIY-Anleitung zur Messung des Sitzknochenabstands:
- Legen Sie ein Stück Wellpappe oder einen Bogen Alufolie auf eine harte, flache Oberfläche (z.B. eine Treppenstufe oder ein harter Hocker).
- Setzen Sie sich mit nacktem Gesäss darauf und ziehen Sie Ihre Knie leicht an, um eine leicht nach vorne geneigte Fahrposition zu simulieren. Drücken Sie sich fest nach unten.
- Stehen Sie auf. Sie sollten zwei deutliche Vertiefungen in der Pappe oder Folie sehen. Dies sind die Abdrücke Ihrer Sitzknochen.
- Messen Sie mit einem Lineal den Abstand von der Mitte des einen Abdrucks zur Mitte des anderen. Dies ist Ihr Sitzknochenabstand.
- Die ideale Sattelbreite sollte diesem Abstand plus ca. 2-3 cm entsprechen, um eine ausreichende Auflagefläche zu gewährleisten.
Ein Sattel, der Ihr Becken stabil stützt, ist das Haltungsfundament, auf dem alles andere aufbaut. Er ermöglicht es Ihrem Rumpf, effizient zu arbeiten, und befreit Ihre Hände von ihrer ungesunden Stützfunktion, damit sie wieder das tun können, wofür sie da sind: lenken und bremsen.
Betrachten Sie Ihren Körper und Ihr Fahrrad als ein zusammenhängendes System. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Haltungsfundament zu überprüfen, um zukünftige Fahrten schmerzfrei zu geniessen und Ihre Gesundheit langfristig zu schützen.