Rennradfahrer fährt entschlossen die legendären Kehren des Stilfser Jochs hinauf
Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Das Geheimnis, einen Alpenriesen wie das Stilfser Joch zu meistern, liegt nicht in brutaler Kraft, sondern in professionellem Ressourcen-Management.

  • Der Schlüssel ist ein bewusst langsamer Start, um den Fettstoffwechsel zu aktivieren und Glykogenreserven zu schonen.
  • Die Höhe reduziert Ihre Leistung spürbar; passen Sie Ihre Wattziele proaktiv an, anstatt gegen den Berg zu kämpfen.
  • Eine durchdachte Strategie für Kleidung, Ernährung und die Wahl der richtigen Übersetzung ist entscheidender als die reine Fitness.

Empfehlung: Behandeln Sie den Anstieg nicht als Wettrennen gegen die Uhr, sondern als ein strategisches Projekt. Nutzen Sie einen Leistungsmesser als Ihren objektiven Coach und halten Sie sich strikt an Ihren Plan.

Das Stilfser Joch. Allein der Name löst bei Ihnen als ambitioniertem Flachland-Radsportler eine Mischung aus Ehrfurcht und blanker Panik aus. 48 Kehren, 25 Kilometer, über 1.800 Höhenmeter – eine Legende. Sie haben monatelang trainiert, Intervalle geschrubbt und die FTP nach oben getrieben. Doch die brutale Wahrheit der Alpen ist: Auf dem Papier stark zu sein und diese Stärke über Stunden gegen Schwerkraft und dünne Luft abzurufen, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Viele glauben, es gehe nur darum, kräftig in die Pedale zu treten. Sie fokussieren sich auf die maximale Wattleistung und hoffen, dass die Form schon reichen wird.

Doch genau hier liegt der häufigste Fehler, der dazu führt, dass selbst gut trainierte Fahrer nach den ersten Kehren „explodieren“. Sie verbrennen ihr gesamtes Pulver im Adrenalinrausch des Starts. Aber was wäre, wenn die eigentliche Kunst nicht darin bestünde, stärker zu sein, sondern klüger? Was, wenn das Bezwingen eines solchen Monsters weniger ein physischer Kraftakt und vielmehr ein Akt intelligenten Energiemanagements ist? Es geht darum, das ungeschriebene Gesetz der Berge zu verstehen: Wer zu früh zu viel will, kommt nicht an.

Dieser Guide ist Ihr Bergführer. Wir übersetzen die Theorie in einen konkreten Fahrplan für den „Tag X“. Wir werden nicht nur darüber sprechen, dass Sie langsam starten sollen, sondern warum dies biochemisch entscheidend ist. Wir quantifizieren den Leistungsverlust in der Höhe, damit Sie ihn einplanen können, anstatt von ihm überrascht zu werden. Von der Nahrungsaufnahme bei Puls 170 bis zur Prävention des Kälteschocks auf der Passhöhe – wir rüsten Sie mit den Strategien der Profis aus, um Ihre Ressourcen – körperlich und mental – souverän zu verwalten. Machen Sie sich bereit, das Stilfser Joch nicht nur zu überleben, sondern es strategisch zu bezwingen.

Um Ihnen eine klare Struktur für diese Herausforderung zu geben, gliedert sich dieser Guide in acht entscheidende strategische Abschnitte. Jeder davon ist ein Baustein für Ihren Erfolg am Berg.

Warum sollten Sie die ersten 10 Minuten bewusst „zu langsam“ fahren?

Die Startlinie eines Radmarathons. Das Adrenalin pumpt, die Meute rast los und Ihr Instinkt schreit: „Mithalten!“ Genau das ist der erste und vielleicht fatalste Fehler, den Sie am Fusse eines Alpenpasses machen können. Die ersten 10 bis 15 Minuten entscheiden massgeblich darüber, ob Sie die Passhöhe triumphierend erreichen oder im mittleren Teil des Anstiegs Ihr persönliches Waterloo erleben. Der Schlüssel liegt in einem Konzept, das sich für Flachländer kontraintuitiv anfühlt: Fahren Sie bewusst zu langsam. Es geht darum, Ihr physiologisches System strategisch hochzufahren, anstatt es mit einem Kaltstart zu schocken.

Indem Sie die Anfangsphase deutlich unter Ihrer Zielleistung verbringen, geben Sie Ihrem Körper die Chance, den Fettstoffwechsel effizient zu aktivieren. Bei zu hoher Intensität verbrennt der Körper primär die schnell verfügbaren, aber stark begrenzten Glykogenreserven. Starten Sie hingegen moderat, „lehren“ Sie Ihren Körper, auf die schier unendlichen Fettreserven als Energiequelle zuzugreifen. Das schont Ihre wertvollen Kohlenhydrate für die steilen Rampen und die letzten, quälenden Kilometer. In der Praxis empfehlen Trainingsexperten, die ersten Minuten 10-15% UNTER der geplanten Zielleistung zu fahren. Dies ist keine verlorene Zeit, sondern die wichtigste Investition in Ihr „Energiebudget“ für den gesamten Tag.

Denken Sie daran: Ein langer Anstieg ist ein Marathon, kein Sprint. Widerstehen Sie dem Gruppendruck und dem eigenen Ego. Lassen Sie die Heisssporne ziehen – viele von ihnen werden Sie später wieder einsammeln, wenn deren Glykogenspeicher leer sind. Ihr Fokus liegt auf Ihrem eigenen Rhythmus, kontrolliert durch Ihren Pulsmesser oder, noch besser, Ihr Wattmeter. Dieser disziplinierte Start ist die Grundlage für ein souveränes Finish.

Ab welcher Höhe (2000m) spüren Sie den Sauerstoffmangel und wie viel Watt kostet das?

Als Flachlandbewohner ist die Höhe ein unsichtbarer Gegner, den Sie nicht unterschätzen dürfen. Während Sie am Berg kämpfen, verändert sich die Luft um Sie herum. Ab einer Höhe von etwa 1.500 bis 2.000 Metern sinkt der Sauerstoffpartialdruck in der Luft merklich. Das bedeutet, dass bei jedem Atemzug weniger Sauerstoff in Ihre Lungen und damit in Ihr Blut gelangt. Ihr Herz-Kreislauf-System muss härter arbeiten, um die Muskulatur mit der gleichen Menge an Sauerstoff zu versorgen. Der Puls steigt bei gleicher Leistung, und die gefühlte Anstrengung nimmt zu. Dieser Effekt wird als Hypoxie bezeichnet.

Dieser Sauerstoffmangel hat eine direkte und messbare Auswirkung auf Ihre Leistungsfähigkeit. Sie können nicht mehr die gleiche Wattleistung treten wie auf Meereshöhe. Dies zu ignorieren und zu versuchen, die gewohnten Wattzahlen zu halten, ist ein sicherer Weg ins Verderben. Sie überfordern Ihr System und brennen aus. Die entscheidende Frage ist also: Wie gross ist der Leistungsverlust? Die folgende Tabelle gibt Ihnen eine realistische Einschätzung für den Anstieg zum Stilfser Joch, dessen Passhöhe auf 2.757 Metern liegt.

Leistungsverlust durch Höhe am Stilfser Joch
Höhe FTP-Reduktion Beispiel: 300W FTP auf Meereshöhe
Meereshöhe (0m) 0% 300 Watt
1.500m 0% 300 Watt
2.000m ~5% 285 Watt
2.500m ~10% 270 Watt
2.757m (Stilfser Joch) ~12-13% 261 Watt

Diese Zahlen, die auf Erfahrungen und physiologischen Modellen basieren, sind ein entscheidender Teil Ihres strategischen Plans. Ein Fahrer mit einer FTP von 300 Watt sollte auf den letzten Kilometern zum Gipfel nicht mehr als 260 Watt anstreben, um im gleichen relativen Belastungsbereich zu bleiben. Akzeptieren Sie diesen Leistungsabfall als physikalische Realität und passen Sie Ihre Ziele an. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von intelligentem Pacing.

Der Radcomputer wird so zu Ihrem wichtigsten Verbündeten. Beobachten Sie die Höhenanzeige und passen Sie Ihre Erwartungen an Ihre Leistung an. Wer die Höhe ignoriert und stur auf seine gewohnten Zahlen starrt, kämpft einen aussichtslosen Kampf. Wer sie versteht und einplant, behält die Kontrolle.

Warum kostet der Werkstatt-Service 80 €/Stunde für einfache Reparaturen?

Auf den ersten Blick hat diese Frage nichts mit dem Radfahren am Berg zu tun. Doch ich bitte Sie, als Ihr Bergführer, mir für eine Metapher zu folgen. Warum zahlen wir in einer Fachwerkstatt einen hohen Stundensatz für etwas, das vielleicht nur eine Kleinigkeit ist? Weil wir für die Expertise, das richtige Werkzeug und die Garantie zahlen, dass die Arbeit korrekt ausgeführt wird. Ein kleiner Fehler bei der Reparatur kann zu einem grossen, teuren Folgeschaden führen. Exakt dasselbe Prinzip gilt für Ihr Ressourcen-Management am Berg. Kleine Fehler in der ersten Stunde des Anstiegs haben einen exorbitant hohen „Reparaturpreis“ in der letzten Stunde.

Stellen Sie sich vor, Sie vergessen in der ersten Stunde ein Gel zu nehmen. Ein kleiner Fehler. Die „Reparatur“ – also das Nachholen der verpassten Kalorien – ist später kaum noch möglich. Ihr Körper ist bereits im Defizit, die Leistungsfähigkeit sinkt, und der drohende Hungerast ist ein Schaden, der den Rest Ihrer Tour ruiniert. Die „Kosten“ sind immens. Oder Sie gehen die erste Rampe 20 Watt zu schnell an. Ein scheinbar unbedeutender Fehler. Die „Reparaturkosten“? Sie zahlen mit einer überhöhten Laktatproduktion, die Ihre Muskeln übersäuern lässt und die Sie für den Rest des Anstiegs nicht mehr loswerden. Ihr Tempo bricht ein, weit stärker als die 20 Watt, die Sie anfangs „gewonnen“ haben.

Der hohe Stundensatz der Werkstatt ist also eine Analogie für das Gesetz der Berge: Je länger und härter die Herausforderung, desto gnadenloser bestraft das System kleine Nachlässigkeiten. Am Stilfser Joch gibt es keine „einfachen Reparaturen“. Jeder Fehler im Pacing, in der Ernährung oder in der mentalen Einstellung kostet ein Vielfaches an Energie und Moral. Ihre Aufgabe als strategischer Bergfahrer ist es, von vornherein so fehlerfrei zu „arbeiten“, dass teure Reparaturen gar nicht erst nötig werden. Perfektion in den Grundlagen ist billiger als die Behebung der Konsequenzen von Nachlässigkeit.

Wie schützen Sie sich vor Unterkühlung, wenn Sie verschwitzt bei 5 Grad abfahren?

Sie haben es geschafft. Der Gipfel. Euphorie und Erschöpfung kämpfen um die Vorherrschaft. Sie sind komplett verschwitzt, der Wind pfeift und das Thermometer zeigt 5 Grad Celsius. In diesem Moment beginnt der zweite, oft unterschätzte Teil der Herausforderung: die Abfahrt. Der sogenannte Windchill-Effekt verwandelt kühle 5 Grad bei 60 km/h in gefühlte -6 Grad. Wenn Ihre nasse Kleidung auf der Haut klebt, ist eine gefährliche Unterkühlung (Hypothermie) fast vorprogrammiert. Zitternde Hände können die Bremsen nicht mehr sicher bedienen, und die Konzentration schwindet – eine lebensgefährliche Kombination in den Kehren des Stilfser Jochs.

Der Schutz vor dem Kälteschock beginnt mit einer routinierten Choreografie auf dem Gipfel. Handeln Sie schnell und zielgerichtet. Verschwenden Sie keine Zeit mit Selfies im Wind. Suchen Sie sofort eine windgeschützte Ecke, zum Beispiel hinter einem Gebäude. Der wichtigste Schritt ist, die Feuchtigkeit vom Körper wegzubekommen. Profis ziehen sofort ein trockenes Unterhemd an. Eine altbewährte und effektive Alternative ist, eine Zeitung unter das Trikot auf die Brust zu legen. Sie isoliert hervorragend und absorbiert Schweiss. Unmittelbar danach ziehen Sie Ihre winddichte Jacke an.

Das 3-Lagen-Prinzip für Bergabfahrten

Das bewährte Layering-System für lange Alpenabfahrten besteht aus drei Komponenten: einem feuchtigkeitstransportierenden Baselayer als Grundlage, einer leichten Weste (Gilet) für variable Bedingungen während des Aufstiegs, und einer hochwertigen, klein verpackbaren Wind- oder Regenjacke für die Abfahrt. Besonders kritisch sind kalte Hände bei Haarnadelkurven – professionelle Radfahrer empfehlen zwei Paar Handschuhe: leichte für den Aufstieg und winddichte, eventuell gefütterte Langfingerhandschuhe für die Abfahrt, um die Bremskontrolle in den 48 Kehren zu gewährleisten. Diese Details, basierend auf den Erfahrungen unzähliger Alpenüberquerer, machen den Unterschied zwischen einer sicheren und einer gefährlichen Abfahrt aus.

Vergessen Sie Hände und Kopf nicht. Ziehen Sie trockene, winddichte Handschuhe und eine dünne Mütze unter den Helm. Erst wenn Sie komplett für die Abfahrt gerüstet sind, nehmen Sie sich Zeit für ein Foto oder einen schnellen Espresso. Beginnen Sie die Abfahrt, bevor Ihr Körper beginnt, auszukühlen.

Ihr Gipfel-Protokoll: Checkliste gegen den Kälteschock

  1. Schutz suchen: Nicht an der windigsten Stelle anhalten – suchen Sie einen geschützten Bereich.
  2. Trockenlegen: Sofort trockene Baselayer anziehen oder die klassische Zeitung unter das Trikot legen.
  3. Isolieren: Winddichte Jacke UND trockene, winddichte Handschuhe anziehen, Mütze unter den Helm.
  4. Energie nachfüllen: Schnellen Energieriegel essen, WÄHREND Sie sich umziehen, um die Körperwärmeproduktion anzukurbeln.
  5. Starten: Die Abfahrt beginnen, bevor der Körper auskühlt und steif wird.

Wie essen Sie Riegel bei Puls 170, ohne daran zu ersticken?

Ein langer Anstieg ist ein unerbittlicher Energiefresser. Ihr Körper verbrennt Hunderte von Kalorien pro Stunde. Um einen Leistungseinbruch, den gefürchteten „Hungerast“, zu vermeiden, ist eine kontinuierliche Energiezufuhr absolut entscheidend. Sporternährungsexperten empfehlen für solch intensive Belastungen eine Zufuhr von 60 bis 90 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde. Das ist eine Menge – äquivalent zu einem Gel und einem Riegel oder drei Gels pro Stunde. Doch die Theorie ist das eine, die Praxis bei hoher Herzfrequenz, mit trockenem Mund und flacher Atmung das andere.

Bei einem Puls von 170 schaltet der Körper in den Überlebensmodus. Das Verdauungssystem wird heruntergefahren, da alles Blut in den Muskeln benötigt wird. Feste Nahrung wie ein trockener Energieriegel wird zur echten Herausforderung. Kauen und Schlucken fallen schwer, und die Gefahr, sich zu verschlucken, ist real. Die Lösung liegt in der Wahl der richtigen Konsistenz und dem richtigen Timing. Greifen Sie auf leicht verdauliche Energiequellen zurück. Gels sind hier ideal, da sie kaum gekaut werden müssen. Auch weiche Riegel auf Dattel- oder Fruchtbasis sind besser als trockene Getreideriegel.

Der Trick ist, die Nahrungsaufnahme zu trainieren und zu timen. Öffnen Sie die Verpackung bereits vor dem Anstieg oder nutzen Sie flachere Passagen, in denen der Puls kurzzeitig etwas sinkt. Nehmen Sie kleine Bissen oder einen halben Schluck Gel und spülen Sie sofort mit Wasser nach. Das hilft nicht nur beim Schlucken, sondern beschleunigt auch die Aufnahme der Kohlenhydrate. Warten Sie nicht, bis Sie Hunger verspüren. Dann ist es bereits zu spät. Stellen Sie sich einen Timer auf Ihrem Radcomputer, der Sie alle 20-30 Minuten daran erinnert, eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken. Disziplin ist hier alles.

Wie verhindert das Wattmeter, dass Sie am ersten Berg überziehen und später einbrechen?

Das grösste Risiko für einen Flachländer in den Alpen ist nicht mangelnde Kraft, sondern eine falsche Einschätzung der eigenen Kräfte. Emotionen wie das Adrenalin am Start oder das Ego, an einer Gruppe dranbleiben zu wollen, sind schlechte Ratgeber. Hier kommt der Leistungsmesser ins Spiel. Er ist Ihr objektiver, unbestechlicher Coach am Lenker. Er zeigt Ihnen die nackte Wahrheit über Ihre momentane Leistung in Watt – unabhängig von Steigung, Wind oder Ihrer subjektiven Wahrnehmung.

Ein langer Anstieg wie das Stilfser Joch dauert mehrere Stunden. Dafür ist Ihre Stundenleistung (FTP) nicht der richtige Massstab. Wer versucht, eine solche Distanz an seiner FTP zu fahren, wird unweigerlich explodieren. Für Anstiege, die über eine Stunde dauern, empfehlen Sportwissenschaftler einen Zielbereich von 75-85% der FTP. Dieser Bereich, oft als „Sweet Spot“ bezeichnet, bietet den besten Kompromiss aus hoher Leistung und Nachhaltigkeit über einen langen Zeitraum. Ihr Wattmeter ist das Werkzeug, das Ihnen hilft, präzise in diesem Korridor zu bleiben. Es wird zu Ihrem Leistungs-Anker, der Sie vor emotionalen Fehlentscheidungen bewahrt.

Wenn die Beine am Anfang noch frisch sind, fühlen sich 85% Ihrer FTP vielleicht leicht an. Ihr Gefühl trügt. Das Wattmeter aber nicht. Es hält Sie zurück und zwingt Sie, Ihr Energiebudget zu schonen. Wenn später die Müdigkeit und die Höhe einsetzen, hilft es Ihnen, nicht zu sehr einzubrechen. Es gibt Ihnen ein realistisches Ziel, an dem Sie sich orientieren können, wenn der Kopf eigentlich aufgeben will. Wie der erfahrene Profi-Coach Björn Geesmann treffend bemerkt, ist die psychologische Komponente entscheidend.

Das Pacing über eine Stunde aufrechtzuerhalten, würde vielen Sportler extrem schwerfallen – sowohl physisch als auch psychisch. Je länger ein Test dauert und je konstanter dieser gefahren wird, desto präziser das Ergebnis.

– Björn Geesmann, Sportwissenschaftler und Profi-Coach bei HYCYS

Vertrauen Sie den Zahlen mehr als Ihrem Gefühl. Definieren Sie vor der Fahrt Ihre Watt-Zielzonen für den Anstieg und halten Sie sich diszipliniert daran. Das Wattmeter verwandelt den Ritt ins Ungewisse in ein kontrolliertes Projekt.

Reicht eine 1-fach Schaltung für die Alpenüberquerung mit Gepäck?

Die Wahl der richtigen Übersetzung ist die materielle Grundlage für Ihr Energiemanagement. Die falsche Schaltung zwingt Sie entweder zu einer zu hohen Trittfrequenz, die Ihr Herz-Kreislauf-System überlastet, oder zu einer zu niedrigen, kraftraubenden Frequenz, die Ihre Muskeln zerstört. Für eine Alpenüberquerung, insbesondere mit Gepäck (5-10 kg), ist die Frage „1-fach oder 2-fach“ von strategischer Bedeutung. Eine 1-fach Schaltung (nur ein Kettenblatt vorne) bietet Einfachheit, geringeres Gewicht und eine geringere Pannenanfälligkeit. Doch bietet sie auch genügend leichte Gänge für die steilsten Rampen?

Die Antwort ist ein klares: Ja, wenn die Konfiguration stimmt. Moderne 1-fach-Systeme mit Kassetten, die eine riesige Bandbreite wie 10-52 Zähne bieten, können sogar leichtere Gänge ermöglichen als eine traditionelle 2-fach-Kompaktkurbel. Der entscheidende Faktor ist die sogenannte Entfaltung im leichtesten Gang. Das Ziel ist es, selbst bei 10% Steigung noch eine angenehme Trittfrequenz von 70-80 U/min treten zu können. Eine Übersetzung, die kleiner als 1:1 ist (z.B. 40 Zähne vorne, 52 hinten), ist hierfür essenziell. Der Hauptkompromiss bei 1-fach-Schaltungen sind die grösseren Gangsprünge, die es schwieriger machen, immer den perfekten „Wohlfühlgang“ zu finden.

Die folgende Tabelle aus einer Analyse von Rennrad-Übersetzungen zeigt die Unterschiede auf:

1-fach vs. 2-fach Übersetzung für Alpentouren
Schaltungssystem Beispielübersetzung Leichtester Gang Vorteil Nachteil
1-fach (40Z vorn, 10-52Z hinten) 40/52 = 0,77 Sehr leicht (Untersetzung) Einfachheit, geringes Gewicht, keine Kettenabwürfe Grössere Gangsprünge, schwieriger konstante Trittfrequenz zu halten
2-fach Kompakt (50/34Z vorn, 11-34Z hinten) 34/34 = 1,0 Leicht (1:1 Übersetzung) Feinere Gangabstufung, perfekter Wohlfühlgang Höheres Gewicht, komplexere Bedienung
Mit Gepäck 1-fach empfohlen 40/52 oder 38/52 Extra leicht für Last Notwendige Sicherheitsmarge Zusätzliches Gepäck (5-10kg) erfordert noch leichtere Gänge

Für eine Tour wie das Stilfser Joch mit Gepäck lautet die goldene Regel: Im Zweifel immer den leichteren Gang wählen! Es ist besser, eine Reserve zu haben, die man nicht braucht, als einen leichteren Gang zu vermissen, wenn die Beine am Ende sind. Eine 1-fach-Schaltung ist also eine hervorragende, moderne Wahl, solange Sie ein kleines Kettenblatt (z.B. 38 oder 40 Zähne) mit einer Kassette mit grosser Bandbreite kombinieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Starten Sie langsam: Fahren Sie die ersten 15 Minuten bewusst unter Ihrer Zielleistung, um wertvolle Glykogenreserven zu schonen.
  • Planen Sie die Höhe ein: Akzeptieren Sie einen Leistungsverlust von ca. 10-13% auf der Passhöhe und passen Sie Ihre Wattziele an.
  • Meistern Sie die Übergänge: Ein schnelles Umzieh-Protokoll am Gipfel verhindert gefährliche Unterkühlung in der Abfahrt.

Warum gewinnt am Berg nicht der Stärkste, sondern der mit dem besten W/kg-Verhältnis?

Am Ende des Tages, wenn alle Strategien zu Pacing, Ernährung und Material zusammenkommen, wird das Klettern auf eine fundamentale physikalische Grösse reduziert: das Leistungsgewicht, ausgedrückt in Watt pro Kilogramm (W/kg). Es ist die Kennzahl, die wirklich darüber entscheidet, wie schnell Sie einen Berg hinauffahren. Sie können der stärkste Fahrer mit der höchsten absoluten Wattleistung sein; wenn Sie gleichzeitig zu viel wiegen, wird ein leichterer Fahrer mit weniger absoluter Leistung Sie abhängen.

Der Grund ist einfach: Beim Klettern kämpfen Sie hauptsächlich gegen die Schwerkraft. Die Leistung, die Sie aufbringen müssen, um Ihr Gesamtsystem (Fahrer + Rad + Ausrüstung) gegen die Steigung zu bewegen, ist direkt proportional zu dessen Masse. Ein leichterer Fahrer muss bei gleicher Geschwindigkeit und Steigung schlicht weniger Watt aufbringen. Umgekehrt bedeutet das: Bei gleicher Wattleistung ist der leichtere Fahrer schneller. Physikalische Berechnungen zeigen diesen Effekt deutlich: Ein 75 kg schwerer Fahrer erreicht bei 5% Steigung mit 200 Watt eine Geschwindigkeit von 16 km/h, während ein 100 kg schwerer Fahrer mit der exakt gleichen Leistung nur 13 km/h schafft.

Das W/kg-Verhältnis ist also der ultimative Effizienz-Indikator am Berg. Es erklärt, warum kleine, drahtige Kletterer oft die Nase vorn haben. Für Sie als ambitionierten Sportler gibt es zwei Hebel, um dieses Verhältnis zu verbessern:

  • Hebel 1 – Leistung steigern (der Zähler): Durch gezieltes Training, insbesondere Schwellen- und Sweet-Spot-Intervalle, können Sie die Wattzahl, die Sie über einen langen Zeitraum aufrechterhalten können, erhöhen.
  • Hebel 2 – Gewicht reduzieren (der Nenner): Eine kontrollierte, gesunde Gewichtsreduktion, bei der primär Körperfett und nicht wertvolle Muskulatur abgebaut wird, hat einen enormen Einfluss. Jedes Kilo weniger ist ein Kilo, das Sie nicht den Berg hinaufschleppen müssen.

Ein gutes W/kg-Verhältnis ist jedoch nicht nur eine Frage von 20-Minuten-Tests. Die wahre Meisterschaft liegt in der Ermüdungsresistenz – der Fähigkeit, einen hohen Prozentsatz Ihrer Leistung über Stunden aufrechtzuerhalten. Das ist es, was am Stilfser Joch den Unterschied macht. Es gewinnt nicht, wer die höchste Spitzenleistung hat, sondern wer sein hohes Leistungsgewicht am längsten durchhält.

Das Verständnis des W/kg-Verhältnisses ist der letzte Baustein. Es verbindet Ihr Training mit der Physik des Kletterns und zeigt Ihnen, worauf es am Ende wirklich ankommt.

Geschrieben von Max Leitner, DIMB-zertifizierter MTB-Guide und Fahrtechnik-Instruktor. Spezialist für Alpine Sicherheit, Fahrwerk-Setup und Trails.