Ein Rennradfahrer fährt bei Seitenwind auf einer Landstraße mit hochwertigen 60mm-Hochprofilfelgen an seinem Rennrad.
Veröffentlicht am April 5, 2026
Geändert am September 15, 2026

Hochprofilfelgen um die 60 Millimeter gehören zu den begehrtesten Upgrades am Rennrad: Sie versprechen Aerodynamik, sehen schnell aus und tragen das „Profi“-Versprechen in ihren Katalogen. Doch die Realität ist komplexer als die Hochglanzbilder. Viele Fahrer investieren in teure Carbon-Laufräder, nur um sie im Seitenwind als Herausforderung oder am Berg als träge zu empfinden. Die Frage ist also nicht, ob sich 60 mm lohnen, sondern unter welchen Umständen – und das hängt von Aerodynamik, Wind, Gewicht, Bremsverhalten und dem Zusammenspiel mit Rahmen und Reifen ab. Dieser Artikel führt durch die entscheidenden physikalischen und materiellen Aspekte, damit du selbst beurteilen kannst, wann ein 60-mm-Laufradsatz echte Performance bringt und wann er vor allem Show ist.

  • Felgenhöhe allein macht nicht schnell: Performance entsteht aus dem Zusammenspiel von Aerodynamik, Gewicht und Steifigkeit.
  • Moderne, bauchige U-Profile nutzen Seitenwind über den Segeleffekt aktiv für Vortrieb statt nur dagegen anzukämpfen.
  • Rotationsmasse an der Felge ist für das Beschleunigungsgefühl entscheidender als das Gesamtgewicht des Laufradsatzes.
  • Carbon bremst bei Nässe spürbar schlechter als Aluminium – der richtige Belag und regelmässige Flankenkontrolle sind Pflicht.
  • Wähle dein Profil nach Terrain, Körpergewicht und Windaufkommen, nicht allein nach der Optik.

Wie können moderne Hochprofilfelgen bei Seitenwind Vortrieb statt Bremswirkung erzeugen?

Moderne, bauchige U-Profile erzeugen bei seitlicher Anströmung einen sogenannten Segeleffekt: Der Wind schiebt das Rad aktiv nach vorne, statt es nur zu bremsen. Aerodynamik-Experten zufolge übernehmen die Laufräder dabei bis zu 60 Prozent dieses Effekts am Gesamtsystem aus Rad und Fahrer – mehr als der Rahmen.

Der Mythos, Hochprofilfelgen seien bei Seitenwind immer ein Nachteil, stammt aus einer Zeit spitzer V-Profile. Moderne Designs haben dieses Problem nicht nur gelöst, sondern ins Gegenteil verkehrt. Der Schlüsselbegriff lautet Segeleffekt: Trifft der Wind schräg von vorne auf die Felge – ein sogenannter Gierwinkel –, erzeugt ein bauchiges U-Profil eine Kraft, die das Rad nach vorne schiebt. Wie ein Segelboot nutzt du den Wind für zusätzlichen Vortrieb, statt gegen ihn anzukämpfen. Das ist keine Marketing-Fantasie, sondern simple Aerodynamik: Die lange, gewölbte Seite der Felge erzeugt Auftrieb, der in eine vorwärts gerichtete Kraftkomponente umgewandelt wird.

Die Effektivität dieses Prinzips ist beachtlich. Aerodynamik-Experten bestätigen, dass bei seitlicher Anströmung die Laufräder bis zu 60 Prozent des Segeleffekts am Gesamtsystem aus Rad und Fahrer übernehmen. Die Wahl des richtigen Laufradsatzes hat also einen grösseren Einfluss auf diesen Vortrieb als der Rahmen. Die Entwicklung hin zu breiteren, runderen Profilen war das direkte Ergebnis intensiver Forschung im Windkanal und computergestützter Strömungssimulationen (CFD). Wie Professor Eric Helter, ein Experte auf diesem Gebiet, erklärt, war dies ein gezielter Prozess.

Das Resultat sind bauchigere Felgen. Bei diesen Simulationen werden sowohl kontinuierliche als auch impulsartige Luftströme auf einen virtuellen Felgenkörper aufgebracht.

– Professor Eric Helter, RennRad Interview

Ein 60-mm-Profil bietet eine ausreichend grosse „Segelfläche“, um diesen Effekt signifikant zu nutzen, ohne bei stärkeren Windböen sofort unkontrollierbar zu werden. Es ist der Sweetspot, bei dem sich der aerodynamische Vorteil des geringeren Luftwiderstands mit dem zusätzlichen Schub des Segeleffekts kombinieren lässt. Die Felge wird so vom passiven Bauteil zum aktiven Element, das zur Geschwindigkeit beiträgt.

Ab welcher Windstärke werden Hochprofilfelgen kritisch – und wann lohnt sich das Fahren trotzdem?

Der Segeleffekt hat eine Kehrseite: die Lenkstabilität. Je höher die Felge, desto grösser ist die seitliche Angriffsfläche für den Wind. Diese Seitenkraft wirkt als Hebel auf die Lenkachse und kann bei plötzlichen Böen zu einem gefährlichen Lenkerverreissen führen. Während 60-mm-Felgen für die meisten Fahrer bei moderatem Wind gut beherrschbar sind, wird es bei 80-mm-Profilen und mehr schnell kritisch. Leichtere Fahrer sind naturgemäss stärker betroffen als schwere, kräftige Fahrer, die dem Winddruck mehr entgegensetzen können.

Eine allgemeingültige Grenze in Beaufort gibt es nicht, da Fahrergewicht, Geschwindigkeit und Böigkeit eine Rolle spielen. Als Faustregel gilt jedoch: Ab einer Felgenhöhe von 60 mm in Kombination mit Seitenwind von etwa 30 km/h wird es für viele Fahrer schwierig, das Rad souverän gerade zu halten. Bei 80-mm-Felgen verschiebt sich diese Grenze nach unten. Starke, böige Winde ab 4-5 Beaufort (ca. 20-28 km/h) können bereits unangenehm bis gefährlich werden – besonders in Waldschneisen oder beim Überholen von LKWs, wo der Wind plötzlich zupackt. Genau hier zeigt sich auch: Nicht die maximal mögliche Geschwindigkeit ist entscheidend, sondern die beherrschte. Im öffentlichen wie im privaten Raum wird Tempo ohnehin oft bewusst begrenzt. Bauliche Massnahmen spielen dabei eine wichtige Rolle, insbesondere dort, wo unterschiedliche Verkehrsteilnehmer auf engem Raum zusammentreffen. Eine Bremsschwelle mit 75 mm Höhe entdecken kann beispielsweise dazu beitragen, die Geschwindigkeit von Fahrzeugen gezielt zu reduzieren und Autofahrer dazu anzuhalten, ihre Fahrweise an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Solche Einrichtungen kommen sowohl in privaten Bereichen als auch in kommunalen Zonen zum Einsatz, etwa auf Parkplätzen, in Zufahrtsbereichen oder auf Strassenabschnitten, an denen ein besonders umsichtiges Fahren erforderlich ist. Dabei geht es weniger darum, den Verkehr zu behindern, als vielmehr darum, ein angemessenes Geschwindigkeitsniveau zu fördern. Gerade in Bereichen mit Fussgängern, Radfahrern oder häufigen Ein- und Ausfahrten kann eine kontrollierte Geschwindigkeit wesentlich zu einem übersichtlicheren und sichereren Umfeld beitragen. Die Bremsschwelle wird damit zum konkreten Sinnbild für eine einfache, aber wichtige Erkenntnis: Kontrolliertes Tempo ist im Alltag oft wertvoller als kurzfristiger Spitzen-Speed.

Die Kraftwirkung erklärt, warum das Vorderrad der kritische Punkt ist: Während eine Seitenkraft am Hinterrad das Rad zwar versetzt, aber meist kontrollierbar bleibt, führt ein seitlicher Druck auf das Vorderrad zu einer direkten und abrupten Lenkbewegung. Aus diesem Grund fahren einige Profis und Amateure eine „Mischbereifung“ mit niedrigerer Felge vorne (z. B. 60 mm) und höherer hinten (z. B. 80 mm) – ein guter Kompromiss aus Aerodynamik und Kontrollierbarkeit. Für die meisten Amateure sind 80 mm Felgen daher eher für Zeitfahren bei ruhigen Bedingungen geeignet als für den alltäglichen Gruppenausflug.

Carbonfelgen sicher bremsen: Nässe, richtige Beläge und verschlissene Bremsflanken erkennen

Vollcarbon bremst schlechter als Aluminium, besonders bei Nässe: Unter optimalen Bedingungen liegt die maximale Bremskraft einer Carbonfelge oft 10 bis 20 Prozent unter der einer Alu-Felge, und der Wasserfilm zwischen Belag und Flanke muss erst „weggebremst“ werden. Der richtige Bremsbelag, die Anbrems-Technik und regelmässige Kontrollen der Bremsflanke minimieren dieses Risiko.

Ein entscheidender Punkt, den Marketing oft verschweigt, ist das Bremsverhalten von Carbonfelgen. Carbon leitet Wärme deutlich schlechter ab als Aluminium: Beim Bremsen entsteht Reibungswärme, die bei Alu schnell abgeführt wird, sich bei Carbon jedoch im Material und im Bremsbelag staut. Bei Nässe kommt hinzu, dass der Wasserfilm zwischen Belag und Felgenflanke erst verdrängt werden muss, bevor eine nennenswerte Verzögerung einsetzt. Dieses kurze, aber spürbare Zögern kann in kritischen Situationen den Unterschied ausmachen.

Prüfstandtests bestätigen diesen Eindruck objektiv. Selbst unter optimalen Bedingungen liegt die maximale Bremskraft einer Carbon-Felge oft 10 bis 20 Prozent unter der einer Aluminium-Felge – bei Nässe vergrössert sich dieser Abstand dramatisch. Die gute Nachricht: Die Hersteller haben das Problem erkannt, und es gibt wirksame Gegenmassnahmen – spezielle Oberflächentexturen auf der Bremsflanke, die das Wasser besser verdrängen, und vor allem die Wahl der richtigen Bremsbeläge. Die Kombination aus Felge und Belag ist entscheidend: Ein Belag, der auf Felge A exzellent funktioniert, kann auf Felge B versagen.

Praxiserfahrung: Der richtige Bremsbelag macht den Unterschied

In Foren und Testberichten kristallisieren sich oft Favoriten heraus. So berichten Fahrer beispielsweise, dass Beläge wie die SwissStop Black Prince bei Trockenheit eine herausragende und bei Nässe eine akzeptable Leistung bieten. Andere schwören auf die originalen Campagnolo-Beläge für Carbon, die sowohl im Trockenen als auch bei Nässe mit einem sehr gut dosierbaren, nicht zu aggressiven Bremsverhalten überzeugen. Die Kernaussage: Verwende die vom Felgenhersteller empfohlenen Beläge oder verlasse dich auf bewährte Kombinationen, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren.

Vor einer Regenfahrt mit neuen Carbon-Laufrädern solltest du das Bremsverhalten auf einer sicheren Strecke testen. Das „Anbremsen“ vor Kurven – der Bremshebel leicht ziehen, um den Wasserfilm zu entfernen – ist eine Technik, die man sich unbedingt aneignen sollte.

Wann ist die Bremsflanke durchgebremst – und wie prüfst du sie?

Carbonfelgen mit Felgenbremse sind keine Anschaffung für die Ewigkeit: Jede Bremsung trägt Material von der Bremsflanke ab. Mit der Zeit wird die Flanke dünner, anfälliger für Überhitzung und im schlimmsten Fall für ein plötzliches Versagen. Eine durchgebremste Felge kann unter dem Reifendruck kollabieren – mit einem schweren Sturz als Folge. Im Gegensatz zu Aluminium, das oft sichtbare Rillen oder eine klare Verschleissanzeige hat, ist der Verschleiss bei Carbon subtiler.

Deutliche Warnsignale sind eine konkave Verformung der Bremsflanke (die Flanke ist nach innen gewölbt statt flach und hat ihre strukturelle Integrität verloren), nicht mehr sichtbare Verschleissindikatoren – kleine, in die Carbonstruktur einlaminierte Punkte oder Linien – sowie eine Delamination, eine blasenartige Ablösung der obersten Carbonschicht, die oft nach extremer Überhitzung auf langen Abfahrten auftritt.

Ein Fahrradmechaniker inspiziert in einer Werkstatt die Bremsflanke einer Carbonfelge mit hohem Profil unter einer Arbeitsleuchte.
Regelmässige Kontrolle der Bremsflanke entdeckt Verschleiss am Carbon frühzeitig.

Gerade beim Kauf gebrauchter Carbon-Laufräder ist höchste Vorsicht geboten. Die folgende Checkliste hilft dir, die kritischen Punkte zu überprüfen.

Checkliste für den Gebrauchtkauf von Carbon-Laufrädern

  1. Bremsflanke auf konkave Durchbiegung prüfen: Halte eine gerade Kante (z. B. eine Kreditkarte) an die Flanke. Ist zwischen Kante und Flanke ein sichtbarer Spalt, ist die Flanke durchgebremst.
  2. Verschleissindikatoren kontrollieren: Sind die vom Hersteller vorgesehenen Indikatoren abgenutzt oder nicht mehr sichtbar, ist die Felge am Ende ihrer Lebensdauer.
  3. Auf Delaminationen achten: Untersuche die Bremsflanke auf Blasenbildung, weisse Flecken oder spürbare Ablösungen der Carbonstruktur.
  4. Haarrisse an Speichenlöchern untersuchen: Leuchte die Bereiche um die Speichennippel an und prüfe sie, idealerweise mit einer Lupe, auf feinste Risse.
  5. Lagerspiel der Nabe testen: Halte das Rad an der Achse fest und versuche, die Felge seitlich zu bewegen. Es sollte kein spürbares Spiel vorhanden sein.

Attention : Ein Laufradsatz ist die sicherheitsrelevanteste Komponente am Rad nach den Bremsen selbst. Im Zweifel gilt: Finger weg – ein vermeintliches Schnäppchen kann dich teuer zu stehen kommen, wenn die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist.

Trägheitsmoment und Rahmensteifigkeit: Warum sich schwere Hochprofilfelgen träge anfühlen – und wann sie das Handling verbessern

Masse, die weit vom Rotationszentrum entfernt sitzt, braucht beim Beschleunigen deutlich mehr Energie als Masse an der Nabe oder am Rahmen – deshalb fühlen sich schwere Hochprofilfelgen beim Antritt träge an. Zugleich sind hohe Carbonfelgen seitensteifer als flache Alu-Felgen und können so das Handling eines weichen Rahmens verbessern. Ob beides für dich zählt, hängt vom Terrain ab.

Rotationsmasse: Warum 500 Gramm nicht gleich 500 Gramm sind

Das Gefühl der Trägheit bei schweren Hochprofilfelgen – besonders beim Anfahren aus niedrigen Geschwindigkeiten oder am Berg – ist keine Einbildung. Es liegt am Trägheitsmoment bzw. an der Rotationsmasse: Masse, die weiter vom Rotationszentrum (der Nabe) entfernt ist, benötigt mehr Energie, um beschleunigt zu werden. Eine hohe, schwere Felge konzentriert viel Gewicht am äussersten Punkt des Rades, und dieses Gewicht wirkt sich beim Beschleunigen deutlich stärker aus als das gleiche Gewicht an der Nabe.

Deshalb ist ein 500 Gramm leichterer Laufradsatz nicht gleich ein 500 Gramm leichterer Laufradsatz: Wird die Gewichtsersparnis hauptsächlich an der Felge erzielt, ist der Gewinn an Agilität und Spritzigkeit weitaus grösser als bei einer leichteren Nabe. Während der aerodynamische Vorteil erst bei höheren Geschwindigkeiten (typischerweise ab 25-30 km/h) das höhere Gewicht ausgleicht, spürst du die höhere Rotationsmasse bei jedem Antritt, in jeder engen Kurve und an jeder Steigung. Berechnungen zeigen zwar, dass ein um 0,5 Kilogramm reduziertes Systemgewicht am Berg Energie spart, aber das subjektive Gefühl der Spritzigkeit wird primär von der Rotationsmasse bestimmt.

Seitensteifigkeit: Das unterschätzte Upgrade für weiche Rahmen

Die Fahrstabilität eines Rennrads ist ein Produkt der Systemsteifigkeit – dem Zusammenspiel von Rahmen, Gabel und Laufrädern. Ein weicher Rahmen, der im Wiegetritt oder in schnellen Kurven zum Verwinden neigt, macht das Fahrverhalten schwammig. Hier können steife Laufräder enorm viel ausrichten: Hochprofilfelgen aus Carbon sind konstruktionsbedingt deutlich seitensteifer als flache Aluminiumfelgen. Die hohe Bauform bildet mit den Speichen ein breiteres, steiferes Dreieck, das seitlichen Kräften mehr Widerstand entgegensetzt.

Das Ergebnis ist eine direktere Kraftübertragung und ein präziseres Lenkverhalten: Das Rad fühlt sich an, als würde es auf Schienen fahren. Labortests quantifizieren diese Steifigkeit: Werte von mehr als 35 Newton pro Millimeter (N/mm) gelten als solide – ein Vorteil, der besonders schwereren oder sprintstarken Fahrern zugutekommt. Wenn sich dein Rad im Sprint anfühlt, als würden die Bremsbeläge an der Felge schleifen, ist das oft ein Zeichen für mangelnde Seitensteifigkeit – im Rahmen, im Laufrad oder in beidem.

Hochprofil-Laufräder sind wesentlich steifer als die leichten Laufräder, was am Berg und beim Antritt grosse Vorteile hat.

– Lambda Racing, FAQ und Tipps zu Aero-Laufräder

Welcher Laufradsatz für welches Terrain?

Die Entscheidung zwischen Aerodynamik und geringem Gewicht ist immer eine Frage des Einsatzprofils. Die folgende Tabelle gibt eine klare Orientierung.

Aerodynamik vs. Gewicht: Wann welcher Laufradsatz gewinnt
Streckenprofil Empfohlener Laufradsatz Begründung
Flach (0-2% Steigung) Hochprofil 60-80mm Aerodynamik dominant, bis zu 40 Watt Ersparnis möglich
Wellig (2-5% Steigung) Mittelprofilfelgen 45-55mm Kompromiss zwischen Aero-Vorteil und Gewicht
Bergig (>5% Steigung) Leichte Laufräder <45mm Gewicht entscheidend, häufiges Beschleunigen erforderlich
Kriterien (viele Kurven) Leichte Laufräder Ständiges Neu-Beschleunigen macht Rotationsträgheit kritisch

Für einen Rennradfahrer, der hauptsächlich im flachen oder leicht welligen Terrain unterwegs ist und selten aus dem Stand sprintet, ist die Trägheit einer 60-mm-Felge vernachlässigbar im Vergleich zum aerodynamischen Gewinn auf langen Geraden. Wer in den Alpen klettert oder an Kriterien teilnimmt, ist mit einem leichteren, niedrigeren Felgenprofil glücklicher und schneller. Somit sind 60-mm-Felgen nicht nur eine aerodynamische, sondern auch eine strukturelle Aufwertung: Sie können einem älteren oder weniger steifen Rahmen ein zweites Leben einhauchen.

Kammtail-Profile und Tubeless: Warum die moderne Systemlösung mehr bringt als die reine Felgenhöhe

Das Kammtail-Profil – eine Tropfenform mit abgeschnittenem Heck – vereint geringen Luftwiderstand, weniger Gewicht und weniger Seitenwindanfälligkeit. In Kombination mit Tubeless-Reifen, die Rollwiderstand, Pannensicherheit und Komfort verbessern, entfaltet ein 60-mm-Laufradsatz sein volles Potenzial: Performance ist ein System, keine einzelne Felgenhöhe.

Kammtail: Das abgeschnittene Tropfenprofil als Standard

Die Evolution der Aero-Felgen führte von spitzen V-Profilen zu den heute dominanten, bauchigen U-Profilen. Die intelligenteste Weiterentwicklung ist das Kammtail-Profil, benannt nach dem deutschen Aerodynamiker Wunibald Kamm. Das Prinzip: Man nimmt eine aerodynamisch perfekte Tropfenform und schneidet das lange, spitze Heck abrupt ab. Die Luft verhält sich so, als wäre das Heck noch vorhanden, löst sich sauber ab und erzeugt nur minimal mehr Luftwiderstand als die vollständige Tropfenform.

Dieses „virtuelle“ Heck bietet gleich mehrere entscheidende Vorteile: Es spart Material und Gewicht, und Kammtail-Formen sind deutlich weniger seitenwindanfällig, weil das fehlende lange Heck dem Wind eine geringere Angriffsfläche bietet – die Hebelwirkung auf die Lenkung sinkt, das Rad bleibt bei böigem Wind stabiler.

Ein Mechaniker zentriert in einer Werkstatt ein Laufrad mit hoher 60mm-Carbonfelge in einem Zentrierständer.
Die Profilform der Felge entscheidet über Aerodynamik und Seitenwindstabilität gleichermassen.

Ein hinten beziehungsweise oben gekürzter Tropfen weist nur einen wenig höheren Luftwiderstand auf als die ungekürzte Variante, spart aber Material und damit auch Gewicht. Ein weiterer Vorteil ist, dass Kammtail-Formen weniger seitenwindanfällig sind als vollständige Tropfenformen.

– Prinzip nach Wunibald Kamm, RennRad Aerodynamik-Tuning Artikel

Wenn du dir heute eine moderne 60-mm-Felge ansiehst, erkennst du genau diese Form: eine abgerundete Nase, die sich zu einer breiten, parallelen Fläche entwickelt, bevor sie stumpf endet. Dieses Design ist der perfekte Kompromiss aus Aerodynamik, Gewicht und Beherrschbarkeit – und der Grund, warum Hochprofilfelgen heute nicht mehr nur etwas für windstille Tage sind.

Tubeless: Warum fast das gesamte Profipeloton ohne Schlauch fährt

Die perfekte Felge wäre unvollständig ohne den Reifen, der sie mit der Strasse verbindet. Während Hochprofilfelgen seit Jahren im Profi-Peloton etabliert sind, hat sich in jüngerer Zeit eine weitere, leisere Revolution vollzogen: der Umstieg auf Tubeless-Systeme. Noch vor wenigen Jahren waren geklebte Schlauchreifen der unangefochtene Standard der Profis – heute fahren fast alle Teams Tubeless, und das aus Gründen, die auch für ambitionierte Amateure relevant sind.

Der offensichtlichste Vorteil ist die drastisch verbesserte Pannensicherheit: Der Reifen dichtet direkt auf der Felge ab, und eine Dichtmilch im Inneren verschliesst kleine Durchstiche von Dornen oder Glassplittern sekundenschnell – oft unbemerkt. Das Risiko eines plötzlichen Luftverlusts wird massiv reduziert. Tests haben gezeigt, dass Tubeless-Modelle die Pannen durch Durchstiche im Vergleich zu klassischen Schlauchsystemen um ein Vielfaches senken können. Ein weiterer entscheidender Vorteil ist der geringere Rollwiderstand: Ohne Reibung zwischen Reifen und Schlauch rollt das System leichter, und es lassen sich niedrigere Luftdrücke fahren – was Komfort und Grip in Kurven deutlich erhöht.

Fallbeispiel: Tadej Pogačar und die Tubeless-Dominanz bei der Tour de France

Tadej Pogačar, einer der dominantesten Fahrer seiner Generation, absolvierte die Tour de France auf bis zu 30 Millimeter breiten Tubeless-Reifen. Dies markiert einen Paradigmenwechsel: weg von super schmalen, steinhart aufgepumpten Schlauchreifen hin zu einem System, das auf geringeren Rollwiderstand, höheren Komfort und überlegene Pannensicherheit setzt. Wenn dieses System unter den extremsten Rennbedingungen der Welt die erste Wahl ist, sind die Vorteile für den Alltagsgebrauch unbestreitbar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Performance ist ein System: Echte Geschwindigkeit entsteht nicht durch eine hohe Felge allein, sondern durch das optimierte Zusammenspiel von Aerodynamik, Gewicht, Steifigkeit und Reifensystem.
  • Terrain entscheidet: Hochprofil für flache bis wellige Strecken, leichtere und niedrigere Felgen für bergiges Terrain und kurvenreiche Kriterien.
  • Sicherheit geht vor: Wähle die richtigen Bremsbeläge für Carbonfelgen und überprüfe regelmässig den Verschleiss der Bremsflanke.

Die Entscheidung für oder gegen einen 60-mm-Hochprofil-Laufradsatz ist letztlich eine informierte Abwägung von Kompromissen. Anstatt blind dem Marketing zu folgen, analysiere dein eigenes Fahrprofil – Terrain, Körpergewicht, typisches Windaufkommen – und wähle einen Laufradsatz, der echte, spürbare Performance-Vorteile für dich bringt. Ein gut gewählter Laufradsatz ist die lohnendste Investition in dein Raderlebnis.

Geschrieben von Thomas Richter, Fachautor für Fahrradausrüstung und die technischen Aspekte des Rennrads macht er komplexe Themen durch klare und leicht verständliche Erklärungen zugänglich.